Die „Plastifizierung“ des Ozeans

Die „Plastifizierung“ des Ozeans

Plas­tik­müll, der im Ark­ti­schen Oze­an trieb und auf Spitz­ber­gen ange­spült wur­de. Foto: Julia Hager

Eine heu­te vom WWF und dem Alfred-Wege­ner-Insti­tut (AWI) vor­ge­stell­te Stu­die beleuch­tet das dra­ma­ti­sche Aus­maß der glo­ba­len Plas­tik­kri­se und fasst unser Wis­sen über die Aus­wir­kun­gen der Ver­schmut­zung auf die Arten und Öko­sys­te­me des Oze­ans zusam­men. Im Vor­feld des UN-Umwelt­gip­fels (UNEA) ver­deut­licht die bis­her umfas­sends­te Meta-Stu­die, dass ein ver­bind­li­ches glo­ba­les Abkom­men erfor­der­lich ist, um die unwi­der­ruf­li­che Ver­mül­lung der Welt­mee­re zu stop­pen, bevor öko­lo­gi­sche Kipp­punk­te über­schrit­ten werden.

Die Plas­tik­ver­schmut­zung des Oze­ans wächst expo­nen­ti­ell und wird wei­ter zuneh­men. Bis zum Ende die­ses Jahr­hun­derts könn­ten Mee­res­ge­bie­te von der zwei­ein­halb­fa­chen Flä­che Grön­lands öko­lo­gisch ris­kan­te Schwel­len­wer­te der Mikro­plas­tik­kon­zen­tra­ti­on über­schrei­ten, da die Men­ge des mari­nen Mikro­plas­tiks bis dahin um das 50-fache zuzu­neh­men droht. Die­se Pro­gno­se beruht auf einer Ket­ten­re­ak­ti­on: Die Kunst­stoff­pro­duk­ti­on wird sich bis 2040 vor­aus­sicht­lich mehr als ver­dop­peln. In der Fol­ge ver­vier­facht sich das grö­ße­re Makro­plas­tik im Oze­an in den kom­men­den 30 Jah­ren. Die­ses zer­setzt sich mit der Zeit in immer klei­ne­re Tei­le bis hin zum Mikro- und Nano­plas­tik. In eini­gen Brenn­punkt­re­gio­nen wie dem Mit­tel­meer, dem gel­ben Meer, dem Ost­chi­ne­si­schen Meer und dem Meer­eis der Ark­tis hat die Mikro­plas­tik­kon­zen­tra­ti­on den öko­lo­gisch kri­ti­schen Schwel­len­wert bereits heu­te überschritten. 

Die Durch­drin­gung des Oze­ans mit Plas­tik ist unum­kehr­bar. Ein­mal im Meer ver­teilt, lässt sich Kunst­stoff­müll kaum zurück­ho­len. Er zer­fällt ste­tig, sodass die Kon­zen­tra­ti­on von Mikro- und Nano­plas­tik noch jahr­zehn­te­lang anstei­gen wird. Die Ursa­chen der Plas­tik­ver­schmut­zung im Keim zu bekämp­fen, ist viel effek­ti­ver als die Fol­gen im Nach­hin­ein zu besei­ti­gen. Wenn Regie­run­gen, Indus­trie und Gesell­schaft jetzt geschlos­sen han­deln, kön­nen sie die Plas­tik­kri­se noch ein­däm­men“, sagt Hei­ke Ves­per, Lei­te­rin des Fach­be­rei­ches Mee­res­schutz beim WWF Deutschland.

Bass­töl­pel, die auf Hel­go­land brü­ten, ver­wen­den alte Net­ze als Nist­ma­te­ri­al und ver­fan­gen sich häu­fig dar­in. Foto: Tho­mas Ronge

Plastikmüll schadet dem Leben im Meer

Mit Blick auf Arten und Öko­sys­te­me offen­bart die Stu­die eine erns­te und sich rasch ver­schlim­mern­de Situa­ti­on: „Plas­tik­müll durch­ringt das gesam­te Sys­tem des Oze­ans — vom Plank­ton bis zum Pott­wal. Für fast alle Arten­grup­pen des Mee­res sind bereits nega­ti­ve Aus­wir­kun­gen von Kunst­stoff­müll nach­weis­bar“, so Ves­per wei­ter.  Das Aus­maß der Kunst­stoff­ver­schmut­zung vari­iert regio­nal stark und auch die Aus­wir­kun­gen auf mari­ne Arten sind sehr unter­schied­lich: Plas­tik­stü­cke im Magen, töd­li­che Schlin­gen um den Hals, che­mi­sche Weich­ma­cher im Blut, die Gefah­ren für Mee­res­be­woh­ner sind zahl­reich. Plas­tik führt zu inne­ren und äuße­ren Ver­let­zun­gen oder gar zum Tod von Mee­res­tie­ren, es schränkt die Fort­be­we­gung oder das Wachs­tum ein, min­dert die Nah­rungs­auf­nah­me oder die Fort­pflan­zungs­fä­hig­keit von Tie­ren und ändert ihr Ver­hal­ten. Zudem rei­chert es sich in der mari­nen Nah­rungs­ket­te an. So viel­fäl­tig wie die Lebens­for­men und Lebens­ge­mein­schaf­ten im Oze­an sind auch die Aus­wir­kun­gen der Bil­lio­nen Plas­tik­frag­men­te in die­sem Öko­sys­tem. Ange­sichts der all­ge­gen­wär­ti­gen Ver­schmut­zung ist fast jede Art heu­te mit Plas­tik kon­fron­tiert. Nur für weni­ge Arten wur­den die schäd­li­chen Effek­te gezielt erforscht, daher exis­tiert dazu bis­her nur ein wis­sen­schaft­li­ches Schlag­licht, jedoch mit einer deut­li­chen Ten­denz: Bei fast 90 Pro­zent der unter­such­ten mari­nen Arten wur­den nega­ti­ve Aus­wir­kun­gen von Plas­tik festgestellt.

Die For­schung wirkt wie eine Taschen­lam­pe, mit der wir Licht­strah­len ins Dun­kel der Ozea­ne wer­fen. Erfasst und erforscht ist erst ein Bruch­teil der Fol­gen, doch die doku­men­tier­ten Schä­den durch Plas­tik sind beun­ru­hi­gend und müs­sen als Warn­si­gnal für ein weit grö­ße­res Aus­maß ver­stan­den wer­den, beson­ders beim der­zei­ti­gen und pro­gnos­ti­zier­ten Wachs­tum der Plas­tik­pro­duk­ti­on“, so Dr. Mela­nie Berg­mann, Mee­res­bio­lo­gin, Alfred-Wege­ner-Insti­tut Helm­holtz-Zen­trum für Polar- und Meeresforschung. 

Fest steht: Mit fort­schrei­ten­der Plas­tik­ver­schmut­zung wer­den die nach­ge­wie­se­nen schäd­li­chen Aus­wir­kun­gen zuneh­men — und es besteht die rea­le Gefahr, dass dadurch die Schwel­len­wer­te für vie­le wei­te­re Teil­po­pu­la­tio­nen, Arten und Öko­sys­te­me über­schrit­ten werden.

Plas­tik­tü­te am HAUSGARTEN, dem Tief­see-Obser­va­to­ri­um des Alfred-Wege­ner-Insti­tuts in der Fram­stra­ße. Die­se Auf­nah­me stammt vom OFOS-Kame­ra­sys­tem aus 2500 m Tie­fe. Foto: Mela­nie Bergmann/OFOS

Plastikverschmutzung trifft auf einen bereits überlasteten Ozean

Der allei­ni­ge Effekt von Plas­tik auf Arten und Öko­sys­te­me ist schwer zu erfas­sen, kann aber nicht iso­liert betrach­tet wer­den, war­nen WWF und AWI. Dort, wo sich ande­re Bedro­hun­gen wie glo­ba­le Erhit­zung, Über­fi­schung, Über­dün­gung oder Schiff­fahrt mit den Hot­spots der Plas­tik­ver­schmut­zung über­schnei­den, wer­den die nega­ti­ven Aus­wir­kun­gen noch ver­stärkt. Für die weni­gen ver­blei­ben­den Exem­pla­re bereits stark gefähr­de­ter Arten wie Mönchs­rob­ben oder Pott­wa­le im Mit­tel­meer, die in sol­chen Hot­spots leben, könn­te sich die Plas­tik­kri­se sogar als Züng­lein an der Waa­ge erwei­sen und zur Über­le­bens­fra­ge wer­den. Nach wis­sen­schaft­li­chen Schät­zun­gen ver­schlu­cken schon heu­te bis zu 90 Pro­zent aller See­vö­gel und 52 Pro­zent aller Mee­res­schild­krö­ten. Beson­ders hart trifft die Ver­schmut­zung Koral­len­rif­fe und Man­gro­ven­wäl­der, die zu den welt­weit wich­tigs­ten mari­nen Öko­sys­te­men gehö­ren. Sie schüt­zen die Küs­te vor Sturm­flu­ten und sind als Kin­der­stu­be vie­ler Fische und Lebens­raum für den Erhalt der Bio­di­ver­si­tät unver­zicht­bar. Kunst­stoff­müll ver­brei­tet sich auch in Mee­res­schutz­ge­bie­te hin­ein, was eine zusätz­li­che Hür­de für den Umwelt­schutz darstellt.

Wie die Kli­ma­kri­se betrifft auch die Plas­tik­flut den gesam­ten Pla­ne­ten. Die Emis­sio­nen sind nicht rück­hol­bar und regio­na­le oder frei­wil­li­ge Maß­nah­men rei­chen nicht aus, um die Kri­se zu bewäl­ti­gen. Es bedarf einer glo­bal koor­di­nier­ten Anstren­gung, um die Plas­tik­flut ein­zu­däm­men“, ver­deut­licht WWF-Exper­tin Hei­ke Ves­per. Der WWF for­dert von den Regie­run­gen, auf der UN-Umwelt­ver­samm­lung im Febru­ar 2022 den Ver­ein­ten Natio­nen ein Ver­hand­lungs­man­dat für ein rechts­ver­bind­li­ches glo­ba­les Abkom­men gegen die Plas­tik­ver­schmut­zung der Mee­re zu ertei­len. Ein sol­cher glo­ba­ler Ver­trag muss sich mit allen Pha­sen des Lebens­zy­klus von Plas­tik befas­sen und die Ver­schmut­zung der Mee­re durch Plas­tik bis 2030 stoppen. 

Gemein­sa­me Pres­se­mit­tei­lung Alfred-Wege­ner-Insti­tut für Polar- und Mee­res­for­schung & WWF

Link zur Stu­die: Die Aus­wir­kun­gen von Plas­tik­ver­schmut­zung in den Ozea­nen auf mari­ne Arten, die bio­lo­gi­sche Viel­falt und Ökosysteme

Comments are closed